Flussfilmfest 2020

Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze

Aus Liebe zum Wasser: Das Flussfilmfest München 2020

Unter dem Motto „Aus Liebe zum Wasser“ fand am 1./2. Februar 2020 das vierte Flussfilmfest im Rahmen des Projekts „Alpenflusslandschaften“ statt. Veranstaltet wurde es von WWF Deutschland, der Stiftung Living Rivers und dem Verein flow : europe. Es war wohl das bisher emotionalste und leidenschaftlichste Flussfilmfest. Denn es ging um unser persönliches Verhältnis zum Wasser, unser Fühlen, Forschen und Tun. Beide Veranstaltungen waren ausverkauft, nicht alle Interessierte fanden einen Platz im Carl-Amery-Saal des Kulturzentrums Gasteig. Klar ist: Das Interesse und die Liebe zum Wasser verbindet Menschen weltweit – und sie verbindet ganz sicher auch die Gäste des Filmfests München.

 

Der Blick über den Tellerrand

 

Im internationalen Block am Samstagabend wurde zunächst der Noatak, Alaskas wildester Fluss, vorgestellt. Das Leben vieler Menschen hängt von seinem Wasser und der Tierwelt am Fluss ab. Auch der Marañón in Brasilien ist die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung. Kaum jemand kennt diesen mächtigen Zufluss des Amazonas, obwohl er eine gewaltige Schlucht formt, die tiefer als der US-amerikanische Grand Canyon ist. Mehr als 20 Staudämme sind an dem bisher noch frei fließenden Gewässer geplant. Der Film „Confluir“ erzählte die Geschichte einer Expedition: Auf einem einmonatigen Rafting-Trip erkundet eine Gruppe junger Forscher:innen die ökologischen Zusammenhänge und nimmt die sozialen Auswirkungen in den Blick, die der Bevölkerung entlang des Flusses in Folge eines Staudammbaus drohen. Vera Knook wurde von diesem Film dazu animiert, sich für den Erhalt frei fließender Flüsse zu engagieren. Sie schloss sich der „Balkan River Defense“ an und ist seither Teil eines Netzwerks von Wissenschaftlern, die den Einfluss der Wasserkraftnutzung auf die Gewässer untersuchen. Für die Maori in Neuseeland ist der Whanganaui mehr als nur ein Fluss. „The river is me“ erzählte, wie nach jahrzehntelangem Rechtsstreit der Fluss im März 2017 zu einer Rechtsperson erklärt wurde: Ein unteilbares und lebendiges Ganzes, mit all seinen physischen und metaphysischen Eigenschaften, wie es das Gesetz formuliert. Auch die urbane Bevölkerung schätzt ihre Gewässer. In Portland an der Westküste der USA sollen der Willamette River und seine Ufer wieder zum öffentlichen Raum werden. Flussbaden, Regenwassermanagement und Baumpflanzaktionen mit Schülern rücken den Fluss neu ins Bewusstsein der Stadt. Seine ökologische Qualität soll verbessert werden. Flussbaden erfreut auch die Berliner. Ein Film zeigte, wie die Spree für einen Tag zum Schwimmen frei gegeben wurde. Pantha rei - alles ist mit allem verbunden, gab Josef Heringer, Landschaftsplaner und langjähriger Mitarbeiter der ANL, den Gästen noch mit auf den Weg. "Die Lust am Leben, am Wasser muss wieder neu belebt werden", so Heringer. "Sie ist verschüttet vom Konsum".

 

Der König der Alpenflüsse

 

Die Matinee begann mit faszinierenden Luftaufnahmen von Flusslandschaften aus der ganzen Welt. Sie entstammen dem Bildband "Wasser" des Geologen und Fotografen Bernhard Edmaier. Die Musikerin Franziska Lehner ließ sich von den abstrakten Formen und Farben stimulieren und begleitete die Diashow stimmungsvoll mit Klängen aus Ludovico Einaudi`s Klavierzyklus „A Time Lapse“. Den Journalisten Martin Rasper erinnerten die Strukturen der Flüsse an Korallen oder Blutgefäße. Auch wenn sie rein durch Erosion und der Schwerkraft des Wassers und Sandes entstanden sind: Sie wirken wie ein lebendiges Gebilde. Ein Fluss dagegen, der nicht mehr fließen darf, so Rasper, der sei tot, dem wurde seine Würde genommen.

 

Der Dokumentarfilm „Der Tagliamento, König der Alpenflüsse“ folgte dem Tagliamento auf seinen 172 Kilometern Länge von den Bergen Venetiens durch Karnien bis zur Mündung in die Adria. Er zeigte anhand der Forschung Klement Tockners die Besonderheiten eines der letzten ungezähmten Alpenflüsse. Zugleich stellte er viele Bezüge zum Menschen her. So speist der Fluss beispielsweise den Grundwasserkörper und ist damit eine wichtige Voraussetzung für die Landwirtschaft im Tal (Weinbau, Anbau Sanddorn). Steine von den ausgedehnten Schotterflächen des Flusses werden in der Mosaik-Schule in Spilimbergo zu Kunstwerken verarbeitet. Ganz generell ist der Tagliamento das kulturelle Rückgrat der Region. Hier treffen verschiedene Kulturen aufeinander, die heute (nach früheren Kriegszeiten) friedlich zusammenleben und miteinander kooperieren.

 

Im Anschluss an den Film diskutierten der renommierte Gewässerökologe Prof. Klement Tockner und der Lechschützer Toni Kittl, was den Menschen mit Flüssen verbindet. Sie kamen zu dem Schluss: Wer frei fließende Flüsse erhalten bzw. wiederherstellen will, der braucht beides: eine gute Faktengrundlage der Wissenschaft, aber auch Begeisterung und Emotion. Und so wurde es am Ende des Filmfests mit dem live vorgetragenen Lied „Am Lech entlang“ von Bluatschink noch einmal richtig emotional. Mit der Liebe zu unseren Flüsse im Herzen tauschten die Gäste schließlich noch bei Sekt und Orangensaft ihre Eindrücke aus.

 

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