Mensch und Fluss

Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze

„Ein Erleben, das die Seele erfüllt"

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler über die Rolle von Natur und Umwelt für den Menschen

 

Frau Breit-Kessler, als wir Sie für die Dialogveranstaltung angefragt haben, haben Sie rasch zugesagt. Ist es nicht ungewöhnlich, dass Sie sich als Regionalbischöfin bei einem Naturschutzprojekt einbringen?

 

Susanne Breit-Keßler: Es ist eher selbstverständlich. Zum einen, weil uns Christenmenschen die Bewahrung und Erhaltung der Schöpfung aufgetragen ist. Wir können nicht sehenden Auges die Gefährdung der Ökosysteme hinnehmen. Das wäre unverantwortlich. Ich bin deshalb auch gerne Mitglied im Präsidium der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Zum anderen bin ich am Inn aufgewachsen und weiß um die Schönheit eines Flusses – und wie sich die Umgebung verändert, wenn er gar zu sehr begradigt wird.

 

Welche spirituelle Bedeutung haben Natur und Umwelt – beispielsweise in Form von wilden Flusslandschaften – aus Sicht der Kirche für den Menschen?

 

Breit-Keßler: Der Blick in die Natur weitet das Herz. Man atmet automatisch tiefer und langsamer – das ist nicht allein gesund, sondern schafft auch Gedanken und Gefühlen Raum, lässt Neues im Inneren des Menschen entstehen. Ehrfurcht vor dem Leben wächst im Angesicht der Natur – etwas, das wir heute besonders dringend brauchen. Wilde Flusslandschaften erinnern an das Paradies, den Garten Eden, der von Strömen durchzogen war. Und sie machen neu bewusst, dass wir Menschen sind, von denen, biblisch gesprochen, "Ströme lebendigen Wassers fließen sollen", die also vital, achtsam und kreativ sich einbringen in Welt und Schöpfung.

 

Laut dem Artenschutz-Report des Bundesumweltamtes ist rund ein Drittel der auf Roten Listen erfassten Arten akut im Bestand gefährdet. Wie setzt sich die evangelische Kirche für den Schutz der Natur und der Artenvielfalt ein und mit welcher Motivation?

 

Breit-Keßler: Unsere Motivation ist die Natur als Geschenk Gottes an uns. Mit solch kostbaren Geschenken hat man achtsam umzugehen. Wir haben einen sehr engagierten landeskirchlichen Umweltbeauftragten und in jedem der sechs Kirchenkreise zusätzlich weitere ehrenamtliche Umweltbeauftragte, die sich des Themas annehmen. Dazu wird in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen immer wieder neu über den Schutz der Natur und all ihrer Geschöpfe nachgedacht und entsprechend gehandelt.

 

Ein Ziel des Hotspot-Projektes ist, eine nachhaltige Änderung des Denkens und Handels zu erreichen. Wie kann man Ihrer Meinung nach die Menschen für den Erhalt der Natur und Umwelt begeistern?

 

Breit-Keßler: Man muss bei den Kindern anfangen und darf bei den älteren Menschen nicht aufhören. Alle müssen sie eingeladen werden in die Natur, um sie sich selber anzuschauen, um zu spüren, wie unendlich schön auch das Land ist, in dem wir leben. Ich glaube, dass wir noch mehr geführte Exkursionen brauchen, Kindererlebnistage und Wanderungen. Kein Remmidemmi, sondern stille, genussvolle Betrachtung der Natur und ein Erleben, das die Seele erfüllt.

 

Sie sind selbst in Oberaudorf aufgewachsen. Was ist Ihr eigener Bezug zu Alpenflüssen?

 

Breit-Keßler: Ich liebe nach wie vor den Inn, meinen Heimatfluss, habe viele Jahre in der Nähe der Loisach gewohnt und habe jetzt die Isar fast vor der Haustür. Flüsse mit ihrem Wasser, den Pflanzen und Tieren sind pures Leben – eines, von dem wir selber unser Dasein ableiten. Wer die Flüsse schützt, achtet auf sein eigenes Dasein.

 

Das Interview führte das Bezirksblatt des Bezirks Oberbayern.

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