Landbewirtschaftung

Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze

Der Wandel der Landwirtschaft - Gedanken von Joachim Kaschek

Joachim Kaschek, Isartalverein

 

Die Diskussionen um das erfolgreiche Volksbegehren „Artenvielfalt - Rettet die Bienen“ hat uns wieder deutlich vor Augen geführt, dass die Natur leidet. Weltweit werden zahlreiche Tier- und Pflanzenarten seltener oder stehen vor dem Aussterben. Daran sind im Wesentlichen wir Menschen schuld. Deutschland ist da keine Ausnahme – im Gegenteil. Kaum ein Land in der Europäischen Union weist ein so dichtes Netz an Verkehrsinfrastruktur auf und verursacht Zerschneidungseffekte, die von vielen Arten nicht überwunden werden können. Die Schadstoffe aus Verkehr, Industrie und Wohnen, insbesondere der Ausstoß von Stickoxiden belastet die Natur durch übermäßige Düngung aus der Luft, auch von Flächen, die natürlicherweise kaum Stickstoff abbekämen.

 

Nur in wenigen Ländern der Erde sind die flächenbezogenen Ernteerträge in der Landwirtschaft höher, als in der Bundesrepublik. Das hat seinen Preis. Hochleistungssorten, egal ob Weizen, Mais oder Weidelgras, benötigen Dünger in ausreichender Menge und meist auch den Einsatz von Bioziden um den Befall mit Schadorganismen zu reduzieren und hohe Erntemengen sicher zu stellen. Selbst die am Alpenrand relativ extensive Landwirtschaft hat in den letzten 30 Jahren einen tief greifenden Wandel erfahren. Bei Milchbetrieben wurde die Bewirtschaftung des Grünlands meist von der Heunutzung des ersten Schnitts auf die Nutzung als Silage zur besseren Versorgung der Rinder mit Eiweiß umgestellt. Und seit einigen Jahren wird auch im Oberland immer mehr Grünland umgebrochen und in Äcker umgewandelt. Die Hauptfrucht dieser Äcker ist meist Silomais, der kurz vor den Eisheiligen eingesät und meist erst im Oktober geerntet wird. Bei der wichtigsten Rinderrasse des Oberlands, dem Fleckvieh, wurde die Milchleistung züchterisch deutlich erhöht. Die macht in der Regel die Zufütterung von Kraftfutter erforderlich, das oft nicht aus dem eigenen Betrieb stammt. Die Folge ist ein hohes Angebot an Dünger (Gülle), der in den Betrieben anfällt und heute für vier oder noch mehr Schnitte im Grünland genutzt wird.

 

Die ökologische Beeinträchtigung von Gewässern

Flussauen waren von Natur aus immer schon besonders fruchtbare Landstriche. Vielleicht nicht gerade an den Alpen mit seinen kiesigen Böden, aber im Tiefland mit den Jahrtausende alten Schwemmböden, ist die Produktion von Biomasse besonders hoch. Unter natürlichen Bedingungen waren die meisten Flächen von dichten Auwäldern bewachsen. Sie haben die verfügbaren Nährstoffe aufgenommen und in Holz und Blattmasse verwandelt. Im Wesentlichen verlaufen die Prozesse der Nährstoffbereitstellung, -aufnahme und -freisetzung in solchen natürlichen oder naturnahen Ökosystemen in einem relativ stabilen Kreislauf.

 

An den meisten Gewässern – seien es Entwässerungsgräben, begradigte oder noch natürlich verlaufende Bäche oder Flüsse – fehlen heute die Auwälder. Entweder wurden sie von Siedlungen, Straßen und Bahnlinien ersetzt oder von landwirtschaftlich genutzten Flächen. Dies trifft vor allem auf die vielen kleinen Bäche und Rinnsale zu, die gerade im Oberland in großer Zahl vorkommen und in der Vergangenheit oft an die bewirtschafteten Flächen angepasst wurden. Man muss davon ausgehen, dass die Selbstreinigungsprozesse der begradigten Bäche und Flüsse ohne nennenswerten Auwaldsaum gegenüber natürlichen Gewässern deutlich eingeschränkt sind.

 

Die meisten landwirtschaftlichen Dünger befinden sich nach der Ausbringung eine Zeitlang an der Bodenoberfläche und können bei Regen diffus oder bei Starkregen und hängigen Lagen auch intensiv in den nächsten wasserführenden Graben, Bach, Fluss oder See geschwemmt werden. Von Äckern kann bei Starkregen der wertvolle Boden abgeschwemmt werden. Bei der Ausbringung von Wirtschaftsdünger wird Ammoniak in größerer Menge in die Luft abgegeben. Dieser löst sich bei Regen im Wasser und gelangt an anderer Stelle wieder auf den Boden. So kann er stickstoffempfindliche Ökosysteme beeinträchtigen. Die Intensivierung der Landbewirtschaftung hat diesen Prozess verschärft. In Gewässern kumulieren die Nährstoffe und werden in immer stärkerem Maß bis in die Weltmeere verfrachten.

 

Die Alpenflüsse und die alpinen Wildbäche weisen dagegen in der Regel sehr nährstoffarme Verhältnisse auf. Dort kann jedes Gramm zusätzlicher Nährstoffe zu einer Veränderung der natürlichen Pflanzengesellschaften führen. Deutlich zeigt sich das am Verlust der Alpenschwemmlinge, wie Silberwurz oder Gipskraut, zum Beispiel auf den Kiesbänken in der Pupplinger Au, die aufgrund der geänderten Geschiebeverhältnisse aber auch durch zusätzliche Nährstoffe von raschwüchsigen Weiden sowie häufig auftretenden Neophyten wie Drüsigem Springkraut, Kanadischer Goldrute oder Sachalin-Knöterich verdrängt werden.

 

Diese für die Umwelt negativen Prozesse sind schon lange bekannt. In der Vergangenheit wurde einiges getan, um die Gewässer ökologisch zu sanieren. Man erinnere sich an massive Schaumkronen und umgekippte Seen aus der Zeit, als bis weit in die 70er Jahre Klärwasser einschließlich Phosphat aus Waschmitteln noch in die Gewässer gelangen konnten. Seit 1980 wurde Phosphor aus Waschmitteln verbannt, Ringkanalisationen um die großen Seen gebaut und die Klärtechnik massiv verbessert. So besserte sich der Zustand ökologisch geschädigter Gewässer in kurzer Zeit deutlich.

 

Stoffeinträge in die Gewässer verringern

Vor einigen Jahren hat der Gesetzgeber eine Vorschrift in das Wasserhaushaltsgesetz integriert, die Gewässerrandstreifen und zulässige Nutzungen definiert hat. Unter anderem wird darin verlangt, dass von Gewässern ein Abstand von fünf Metern mit Ackernutzung einzuhalten ist. Bayern hat die legale Möglichkeit genutzt und diese Vorschrift nicht übernommen. Vielmehr hat Bayern auf Freiwilligkeit gesetzt und die Möglichkeit für Landwirte geboten, über das Kulturlandschaftsprogramm Vereinbarungen über extensiv bewirtschaftete Uferstreifen einschließlich Dünge- und Biozidverzicht abzuschließen. Für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wurde dieses Angebot nur für 30 Hektar in Anspruch genommen (Stand 2017, gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche im Landkreis TÖL: 30.940 ha. Quelle: AELF Holzkirchen). Rechnet man dies auf ganz Bayern hoch, ist das für einen wirksamen Gewässerschutz zu wenig.

 

Man kann davon ausgehen, dass Landbewirtschafter und sonstige Landnutzer mit wenigen Ausnahmen nicht gegen (wasser-) rechtliche Vorschriften verstoßen, sondern die „gute fachliche Praxis“ einhalten. Aber das, was in besagtem § 38 des Wasserhaushaltsgesetzes mit „Verminderung von Stoffeinträgen (in Gewässer) aus diffusen Quellen“ umschrieben wird, muss zukünftig optimiert werden, um die Bedingungen für wild lebende Tiere und Pflanzen so zu verbessern, dass sie in der Natur langfristig in ihren natürlichen Lebensräumen überleben können. Folgende Nutzungen sollten dabei verpflichtend sein und folgende Verbesserungsmaßnahmen sollen an Gewässern umgesetzt werden:

  • Einhaltung von Mindestabständen zu Gewässern mit allen baulichen Maßnahmen (z.B. Gebäude, Straßen und Wege, etc.) und Erhaltung oder Neuschaffung von möglichst mit Auengehölzen bepflanzter Gewässerbegleitvegetation. Bei Neuanlagen soll dieser Abstand mind. 50 Meter betragen.
  • Bei landwirtschaftlich genutzten Flächen verpflichtender Gewässerrandstreifen in einer Breite von mindestens 5 Meter als Grünland, ohne Einsatz von Dünger und Bioziden.

 

Blauflügel Prachtlibelle (© J. Kaschek)

Es müsste fördertechnisch zulässig sein, solche Streifen dauerhaft aus der Nutzung zu nehmen. Für viele Gewässerlebewesen, z.B. ist für Libellen ein abschnittsweise höherer Bewuchs entlang der Gewässer als Strukturelement wichtig. Günstig wäre es, wenn entlang der Gewässer Auengehölze neu gepflanzt würden. Gehölze beschatten das Gewässer und verbessern durch die Minderung von Temperaturschwankungen dessen Selbstreinigungskraft. Bereits vorhandene Auengehölze unterliegen ohnehin dem Beseitigungsverbot, wenn sie an natürlichen oder naturnahen Gewässern stehen. Um die mit den Einschränkungen verbundenen finanziellen Nachteile abzufedern, müssen Fördermittel in ausreichender Höhe bereitgestellt werden. Die Förderung muss auch beinhalten, dass solche Gewässerrandstreifen über mehrere Jahre hinweg nicht genutzt werden (Brachestreifen). Außerdem wäre es sinnvoll die Agrarförderung insgesamt noch mehr an ökologische Leistungen der Landwirte zu binden. Betriebe, die – unabhängig ob als Biobetrieb oder konventionell wirtschaftend – eine extensive Wirtschaftsform wählen, zum Beispiel Mutterkuhhaltung mit geringem Tierbesatz pro Hektar oder späte Grünlandnutzung (Heumahd), sollten so weit gefördert werden, dass das Betriebseinkommen vergleichbar mit Intensivbetrieben sind.

 

Optional wären Maßnahmen zur Wiederherstellung des ursprünglichen oder naturnahen Gewässerbetts von naturfern gestalteten Gewässern. Diese Maßnahmen könnten z.B. durch die Ämter für ländliche Entwicklung geplant und umgesetzt werden. Sofern vorhanden könnten die beteiligten Gemeinden eigene landwirtschaftliche Flächen gegen neu gebildete Ufergrundstücke eintauschen. Solche Maßnahmen können auch Teil von Gewässerentwicklungskonzepten der Gemeinden entsprechen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sein.

 

Und natürlich müssen wir Verbraucher auch bereit sein für Lebensmittel, die unter diesen Bedingungen mit höheren Kosten erzeugt werden auch mehr zu bezahlen – und unseren eigenen Beitrag an ökologischen Beeinträchtigungen zurück zu fahren.

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