Die Renaturierung der Ammer schreitet voran


Im Rahmen des Hotspotprojekts koordiniert der WWF Deutschland die Ausführungsplanung zur Redynamisierung der Ammer im Bereich der Schnalzaue (unterhalb des Kalkofenstegs) in enger Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt Weilheim und den Bayerischen Staatsforsten. Ziel ist es, der Ammer auf etwa zehn Hektar Fläche wieder mehr Raum für eine dynamische Entwicklung zu geben. Konkret geplant sind die punktuelle Entfernung der Ufersicherung am alten Deich, der Bau eines neuen Stützdeiches am Fuß der Berghalde sowie die Verlegung des bestehenden Forst- und Wanderweges entlang des neuen Deiches. Bei Hochwasser soll die Ammer den alten Deich schwächen, durchbrechen und sukzessive erodieren. Durch die damit einhergehende Flutung der Auenlebensräume werden diese der Flussdynamik unterworfen und mit der Zeit wieder an den Fluss angebunden. Erwartet wird, dass sich die Ammer mittelfristig einen Weg durch die Aue bahnen und das Wehr umströmen wird. Damit würde das Stützwehr überflüssig und könnte künftig zurückgebaut werden.

 

 

Nachdem Ende 2018 die Entwurfs- und Genehmigungsplanung für die geplante Deichrückverlegung an der Schnalz festgelegt und vergeben wurde, laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Die Gesamtplanung liegt beim Münchner Büro “Bosch und Partner”, das Baugrundgutachten wird von “Boley Geotechnik” durchgeführt und von “EDR GmbH” koordiniert. Die Vermessungsarbeiten wurden an das Büro “GeoPlus GbR” vergeben und die Erfassung der FFH-Arten und -Lebensräume übernimmt das Büro “Natur Gutachter”.

 

Nach ersten witterungsbedingten Verzögerungen wurde mittlerweile die Baugrunduntersuchung abgeschlossen und die Brutvogelkartierungen durchgeführt. Momentan laufen die Vermessungsarbeiten und Kartierungen der Fledermäuse, Amphibien, Tagfalter und Libellen. Die Geländeerhebungen werden voraussichtlich im September 2019 abgeschlossen sein. Daraufhin werden die Ergebnisse in Form eines Arbeitsberichtes zusammengefasst und basierend darauf die Planungsvarianten mit den Behörden erörtert. Hoffentlich kann bald darauf das Planfeststellungsverfahren und schließlich spätestens im Winter 2020/21 der Dammrückbau beginnen.

 

Renaturierungen brauchen Zeit und kosten Geld, doch es lohnt sich. Besonders an der Ammer. Sie ist ein ganz besonderer Fluss. In einer Wildflussstudie des WWF Deutschland von 2011 erhält sie gute Noten: Von 15 untersuchten nordalpinen Wildflüssen nimmt sie hinter Sense und Isar Platz 3 ein in Bezug auf den ökologischen Wert. Insbesondere in der Schluchtstrecke zwischen Altenau und Peißenberg kann sie sich noch frei entfalten. Doch flussabwärts des Kalkofenstegs wurde die Ammer auch hier stark menschlich geprägt. Der Grund: 1962 rutschte das in den Hängen der Schlucht gelagerte Abraummaterial des Kohlebergbaus in den Fluss. Die Ammer wurde daraufhin verlegt, begradigt und mit einem Damm stabilisiert, um eine Kontaminierung des Gewässers zu vermeiden. Auenbereiche wurden dabei vom Fluss getrennt und das Schnalzwehr errichtet. Mit der Renaturierung kann der vor knapp sechzig Jahren begonnene Verbau wieder rückgängig gemacht werden. Die Ammer könnte in diesem Bereich dann wieder als Wildfluss agieren.

 

Bernhard Müller, Wasserwirtschaftsamt Weilheim

Bernhard Müller, Wasserwirtschaftsamt Weilheim: „Die Idee, das Schnalzwehr aufzugeben und der Ammer freien Lauf zu lassen, ist zugegebener Maßen schon etwas kühn. Aber wo, wenn nicht hier, lässt sich so eine Idee verwirklichen? Die Flächen gehören den Bayerischen Staatsforsten, die voll und ganz hinter dem Projekt stehen. Die Infrastruktur beschränkt sich auf Forst- und Wanderwege. Einzig die alte Bergehalde gilt es zu sichern. Aber was wird passieren, wenn sich die Ammer einen neuen Weg sucht? Wir wissen es nicht genau und können es auch nicht vorausberechnen. Sicher ist aber, dass die gesamte Schnalz eine großartige Aufwertung, nämlich ein wirklich wildes Flussbett mit wilder Aue bekommen wird. Wir haben uns vor gut zwei Jahrzehnten dazu entschlossen, an der Ammer neue Wege zu gehen. Die Renaturierung der Schnalzaue ist dabei das größte der vielen bereits umgesetzten und noch geplanten Projekte. Daher freut es mich, dass der WWF uns hier viel Vorarbeit abnimmt. So kann das Projekt früher umgesetzt werden, als unsere Priorisierung es zugelassen hätte.“

 

Hans Peter Schöler, Revierförster Böbing, Forstbetrieb Oberammergau

Hans Peter Schöler, Revierförster Böbing, Forstbetrieb Oberammergau: „Im Jahr 2010 bat mich Adolf Fastner vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim zu einem Treffen an die Schnalz. Er fragte mich, wie wichtig mir die Staatsforstflächen nördlich des Wehres zwischen Halde und Fluss aus forstwirtschaftlicher Sicht seien, ob ich mir vorstellen könnte, dem Fluss diese Flächen zurück zu geben? Seitdem arbeiten wir alle daran, diese Idee zu verwirklichen. Der artenreiche Wald in der Ammerschlucht soll mit dem artenreichen Fließgewässer korrespondieren. Beide Komponenten fördern und gestalten einander. Auf diese Weise, und das ist mir auch aus unserem Ansatz zeitgemäßer Forstwirtschaft heraus sehr wichtig, zeigt sich, dass Naturnähe und der Schutz des Lebensraums mit der Nutzung durch den Menschen zusammengehen. Wenn ich bei meiner Arbeit im Wald über dem Fluss stehe, die wandernden, blanken Kiesbänke und die Totholzinseln betrachte, fühle ich mich in eine Zeit versetzt, in der die Kraft der Natur ihrem Wesen Gestalt verlieh. Für mich ist das ein Bild von tiefer Freiheit. Dafür leiste ich gerne meinen Beitrag.“

 

Sebastian Hanfland, Landesfischereiverbandes Bayern e.V. und Koordinator der Ammerallianz

Sebastian Hanfland, Landesfischereiverbandes Bayern e.V. und Koordinator der Ammerallianz: „Jedes Mal wenn ich an die Ammer im Bereich der Schnalz komme, geht mir das Herz auf. Es ist schön zu sehen, wie die jahrzehntelangen gemeinsamen Bemühungen der Nutzer und Schützer nach und nach immer mehr Früchte tragen. Die Leistungen von der Verhinderung des Baus von Wasserkraftanlagen, zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit, der Belassung des Totholzes im Fluss und im Wald bis hin zu naturverträglichen Regelungen der Freizeitnutzung an der Ammer sind ein Paradebeispiel dafür, was man alles erreichen kann, wenn man etwas Geduld aufbringt und an einem Strang zieht.“

 

Matthias Hett, Fachreferent für Naturschutz, UNB, Landratsamt Weilheim-Schongau

„Ich lebe inzwischen seit knapp 30 Jahren in einer der Ammer-Gemeinden. In dieser Zeit habe ich die Ammer und die Landschaft des Pfaffenwinkels kennen und lieben gelernt. Insbesondere der noch einigermaßen wilde Flussabschnitt oberhalb Peißenbergs, ist mir inzwischen ans Herz gewachsen. Das Hotspotprojekt „Alpenflusslandschaften“ und die dort in einem neu geknüpften Partnernetzwerk kreierten Ideen begeistern und beflügeln mich. Insbesondere die Idee, der Ammer im Bereich der sog. Schnalzaue ein Stück ihrer durch menschliche Einflüsse verlorengegangene Dynamik und Natürlichkeit wieder zurückzugeben, löst bei mir Freude und Begeisterung aus. Es ist schön, wenn die Ammer uns dort wieder zeigen darf, was sie so alles drauf hat. Die Revitalisierung der Schnalzaue könnte ein gelungenes Vorzeigeprojekt werden, das zum Nachmachen ermutigt; getreu dem Motto: so geht’s – da schau her!“


Zurück

TOP