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Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze

Fischbesatz versus Lebensraumverbesserungen


Filmemacher Kristof Reuther

Der Film "Fluss.Mensch.Zukunft" wird im Matinee des Münchner Flussfilmfests 2019 gezeigt. Mareike Spielhofen hat Filmemacher Kristof Reuther im Auftrag des WWF interviewt:

 

Herr Reuther, wem treten Sie und Co-Autor Lukas Kirchgäßner mit Ihrem Film "Fluss.Mensch.Zukunft" auf die Füße?

Bestimmt einigen Leuten! Das war uns aber klar! In vielen Bereichen, so auch in der Fischerei, hängen die Menschen dem nach, was sie jahrelang gemacht haben. Ich möchte keinesfalls damit sagen, dass alles Alte schlecht ist. Aber das Fischbesatzthema, also, dass Fische in die Flüsse gesetzt werden, damit der Angler etwas zu fangen hat, ist nicht nachhaltig. Und das kritisieren wir auch im Film! Aber es soll nicht darauf herumgehackt werden, was schiefgelaufen ist. Die Frage ist: Was können wir jetzt machen?

 

In Ihrem Film geht es um die provokante Frage: was hat mehr Effekt auf gesunde Fischpopulationen, der Besatz der Flüsse mit Fischen (was absolut gängig ist) oder die Renaturierung von Flüssen. Was bewegte Sie dazu, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Ich  bin an der Isar bei Ismaning aufgewachsen und ich war in meiner Jugend jeden Tag am Fluss, um draußen zu sein, um Dinge zu entdecken und zu beobachten. Vielleicht hat sich daraus ergeben, dass mir Gewässer wichtig geworden sind und dass ich gemerkt habe, wie viel sich im Laufe der Jahre an und mit den Gewässern verändert hat. Ich habe begonnen mich intensiv darüber zu informieren und habe mich im Rahmen meines Studiums auch mit Gewässerökologie beschäftigt. Dabei habe ich verstanden: „Aha- so geht das eigentlich oder so geht das nachhaltig, da müssen wir etwas ändern!“. Insbesondere wegen der manifestierten Einstellung ist es nicht immer ganz einfach neue Ideen zeitnah umzusetzen. Aber am Ende muss es Leute geben, die die neuen Gedanken einbringen, damit sich etwas bewegt. Und wir sind die junge Generation!

 

Wie sieht eine alternative Bewirtschaftung von Flüssen aus?

Bei einer nachhaltigen Bewirtschaftung ist wichtig, den Fokus primär auf den Lebensraum zu legen. Lebensraum, gute Wasserqualität und Nahrung: das ist das was der Fisch braucht! Gewässern, die beispielsweise mit Wasserkraftwerken verbaut sind, wie Lech oder Inn, besitzen keine natürliche Hochwasserdynamik mehr, die viele verschiedene Lebensräume schafft. Außerdem können Fische dadurch nicht mehr zu ihren Laichplätzen wandern. Oder die vielen Bäche an Äckern, die schnurgrade sind und wo der Dünger nur so hineinfließt –  das sind die Themen, bei denen man ansetzen und etwas ändern muss! Das kann auf den natürlichen Fischbestand große Auswirkungen haben und das ist der auf den es ankommt. Die Fische werden in ihrer Anzahl nämlich nicht mehr, wenn ich sie besetze – das ist kompletter Unsinn! Die Fische, die mit 40 cm Größe in Gewässer eingesetzt werden, sind die Bedingungen dort gar nicht gewöhnt. Ein Fisch, der im Gewässer aufwächst, kennt seine Feinde, aber auch seine Verstecke und weiß auch mit Hochwasser umzugehen. Also weg vom Fischbesatz hin zum Lebensraum verbessern! Sehr zentral für eine nachhaltige Bewirtschaftung ist natürlich die Datenerhebung. Der Fischereiverein muss wissen, wie groß der Fischbestand im Gewässer ist, welche Arten vorkommen, und ob sich die Fische selber reproduzieren. Das ist die Grundlage! Wenn es zum Beispiel weniger Bachforellen gibt, schaut man sich an, welche Lebensräume die Bachforelle besiedelt und kann da ansetzen. Die Bachforelle ist ein Kieslaicher, und wenn durch umliegende Äcker viel Sediment in den Fluss getragen wurde, findet sie keinen Laichplatz mehr. Wenn der Fischereiverein nun Kies in den Fluss einbringt, dann hat er einen deutlich nachhaltigeren Nutzen, als wenn er das durch zehn Zentner fangfertige Bachforellen pro Jahr kompensiert.

 

Wer ist in Deutschland für die „Bewirtschaftung“ der Flüsse zuständig?

Wem  ein Gewässer gehört, der muss es hegen und pflegen. Dazu gibt es die Fischereivereine, die die Gewässer pachten und bewirtschaften. Die Isarfischer haben zum Beispiel rund 36 Kilometer Isar gepachtet und bewirtschaften diese. Bewirtschaftung heißt, dass der Fischereiverein dafür sorgt den Lebensraum zu verbessern, aber auch dafür, dass die Angler etwas zum Fangen haben. Das ist genau das, wo wir mit unserem Film angesetzt haben. Wenn man Angler fragt: „Was ist Bewirtschaftung?“, dann denken viele: „Fische besetzen und fangen“. Bewirtschaftung ist jedoch viel weitreichender und nachhaltig – das sollte sie zumindest sein. Die Isarfischer leisten bereits einen wichtigen Beitrag, indem sie an vielen Stellen mit Revitalisierungen am Lebensraum ansetzen. Das wird aber nicht von allen Vereinen gemacht - dazu soll der Film motivieren.

 

Gibt es weniger Fische in den Flüssen als früher, oder ist der Bedarf an Fisch einfach größer geworden?

Die Umweltbedingungen haben sich definitiv verschlechtert! Das ganze Abwasser landet zwar nicht mehr ungeklärt in den Flüssen, dennoch gelangen heutzutage große Mengen an Medikamentenrückständen in die Gewässer. Außerdem leitet die Industrie oft warmes Wasser in die Flüsse und Wasserkraftanlangen verbauen diese. Die Landwirtschaft hat Einfluss auf die Flüsse durch Nitrat- und Phosphateintrag. Und der Mensch hat viele Flüsse begradigt und durch Blocksteine gesichert, weil man gedacht hat, es würde die Orte vor Hochwaser schützen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Wenn der Fluss keinen Raum mehr hat sich in die Breite auszuweiten, dann geht er in die Höhe. Der Mensch hat einen riesigen Einfluss – was die Struktur und die Wasserchemie angeht. Und somit auch auf die Anzahl der Fische!

 

Ist es für Sie als Fischer gut, wenn das Ökosystem im Fluss wieder intakt ist, denn natürliche Feinde wie Kormoran oder Fischotter werden möglicherweise wieder zahlreicher?

Das ist ein interessantes und wichtiges Thema! Grundsätzlich ist es in der Natur ja so, dass sie sich selber reguliert. Gibt es viel Beute, erhöht sich die Anzahl der Räuber und umgekehrt. Der Fischotter ist in Bayern heimisch, findet aber beispielsweise in Fischzuchten einen enorm reichhaltigen Teller vor, wo er auf der anderen Seite einen teils erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Der Kormoran dagegen ist hier nicht heimisch, er hebt sich von diesem System ab. Ich habe über ihn in meiner Bachelorarbeit Untersuchungen an der Isar gemacht. Selbst an naturnahen Flussabschnitten hat der Kormoran den natürlichen Fischbestand fast komplett dezimiert, da ist fast nichts mehr übrig. Im Gegensatz zu Rehen, Hirschen oder Wildschweinen gibt es beim Kormoran kein Management, das ihn auf ein für ihn aber eben auch andere Arten angepasstes Maß beschränkt. Beim Kormoran bin ich daher eher negativ eingestellt.

 

Sehen Sie sich als Jäger?

Nein, ich sehe mich nicht als Jäger! Ich sehe mich als Angler und auch als Naturschützer. Klar, ich habe einen Nutzen vom Gewässer. Ich verwerte, was ich selber entnehme und nur so viel, wie ich brauche. Da sind wir wieder bei nachhaltigen Gewässern: wenn ich weiß, was ich der Natur entnehmen kann – und bei Fischbeständen kann der Angler bis zu 50 Prozent des jährlichen Zuwachses entnehmen, genau das wächst wieder nach – dann ist das absolut nachhaltig. Man tut der Population nicht weh und kann den Fischern gleichzeitig bieten, ihren eigenen Fisch zu fangen.

 

Sie sind Fliegenfischer. Wo ist der Unterschied zum Angeln mit Wurm?

Beim Fliegenfischen imitiert man die natürliche Beute der Fische - also Insekten - mit künstlichen Fliegen und versucht sie damit zu überlisten. Gleichzeitig ist es auch so, dass man als Fliegenfischer den Fisch sucht und dabei meist direkt im Fluss steht. Ich werfe dann meine kleine Fliege immer wieder aus und entweder der Fisch nimmt sie oder nicht. Fliegenfischen ist daher etwas schwieriger und erfordert mehr Wissen, weil man sich mit den Insekten vor Ort und der Natur mehr auseinandersetzen muss. Sie gilt auch als die Königsdisziplin der Angelei. Es macht mir viel Spaß, weil ich einfach einen engeren Naturbezug hab, schon allein weil ich direkt im Wasser stehe.

 

Was macht Sie glücklich, wenn Sie fischen?

Es klingt ein wenig spirituell: Egal welchen Stress ich im Studium oder privat habe, ich denke nicht daran! Gerade beim Fliegenfischen, wenn ich im Wasser stehe, dann muss ich mich auf so viele Dinge konzentrieren, dass ich komplett meine Gedanken nur darauf fokussiere und alles um mich herum vergesse. Es ist wirklich die beste Form der Entspannung, die ich für mich kenne. Außerdem bin ich unterwegs mit meinen Freunden, wir erleben etwas gemeinsam, sind draußen in der Natur und haben einfach eine gute Zeit! Das macht mich froh!

 

Wie kamen Sie auf die Idee Filme zu drehen?

Ich bin kein gelernter Filmemacher! Ich habe früher viel fotografiert und dann kamen noch die Filme dazu. Mittlerweile mache ich beides. Ich habe mich viel mit dem Thema Film befasst und gesehen, dass der Bedarf im Bereich Fischerei auch da ist. Es gibt ganz viele Angelvideos von Anglern, die einen Fisch nach dem anderen rausholen. Mit meinen Filmen kontere ich dagegen sozusagen, denn wir können nur angeln, wenn es unseren Gewässern gut geht. Unsere Filme sollen eine größere  Zielgruppe erreichen, nicht nur Angler, sondern auch Leute mit Interesse an den Gewässern.

 

Was sind Ihre nächsten Projekte für das Ökosystem Fluss?

Morgen fahre ich mit einem Freund an die Ammer, wir drehen da einen Film über die Bedeutung von Totholz in Gewässern. Und ich habe da eine Geschichte geschrieben, eigentlich ist das alles aber noch ganz geheim…! Ich verrate nur so viel: Der Protagonist ist kein Mensch ;-)


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