Mehr Wasser für unsere Flüsse


Der neue Mindestwasserleitfaden soll bayerische Flüsse wieder lebendiger machen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

 

An den Ufern unserer Flüsse prallen nicht nur Wasser und Land aufeinander, sondern auch eine Vielzahl menschlicher Interessen. Als Lebensadern unserer Landschaft sind Fließgewässer möglichst mit all ihrer Dynamik und Vielfalt zu erhalten. Gleichzeitig soll ihre Wasserkraft mancherorts zur Energieerzeugung genutzt werden. Dass dieser Spagat Konflikte birgt versteht sich von selbst. Nur zu oft rauben Kraftwerke den Flüssen alles Leben, da in den Ausleitungsstrecken nicht genug Wasser bleibt, damit die natürlichen Tier- und Pflanzengemeinschaften überleben können.

 

Dieses Problem hat das Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz schon vor längerer Zeit erkannt und die Aktualisierung des alten Restwasserleitfadens (künftig Mindestwasserleitfaden) angestoßen. Darin wird festgelegt, wie viel Wasser mindestens in der Ausleitungsstrecke eines Wasserkraftwerks verbleiben muss, damit das Ökosystem Fluss nicht zusammenbricht. So sollen bei der Beurteilung von Wasserkraftwerksvorhaben ökologische Mindeststandards eingehalten werden. Denn – so schön einige unserer bayerischen Flüsse noch aussehen – es gibt große Defizite. Die deutschen Flüsse sollten sich nach europäischen Übereinkommen, die unsere Bundesregierung unterzeichnet hat, schon längst in einem guten ökologischen Zustand befinden. Vereinbart wurde das in der Wasserrahmenrichtlinie bereits im Jahr 2000. Allerdings erreicht dieses Ziel bundesweit derzeit nur etwa acht Prozent der Gewässer. Deutschland droht ein Vertragsverletzungsverfahren der EU. Es ist also höchste Zeit, zu handeln. Der WWF Deutschland begrüßt, dass die jetzt vorgelegten Mindestwasserempfehlungen mithilfe von wissenschaftlichen Daten ermittelt wurden.  
 
Das Ergebnis der Studie ist wenig überraschend: Die bisherigen Wasserstände in Ableitungsstrecken sind oft viel zu niedrig. Gerade Kleinwasserkraftwerke (unter 1000 Kilowatt Leistung) tragen nur wenig zur Stromerzeugung bei, zerstören aber dennoch große Abschnitte von natürlichen Flüssen und ihren Lebensräumen. Lediglich etwa acht Prozent des Stromes, der in Bayern mit Wasserkraft hergestellt wird, kommt aus diesen kleinen Anlagen, dabei gibt es fast 4000 Stück davon. Die Fische, die auf die Durchgängigkeit der Flüsse angewiesen sind, um zum Beispiel zu ihren Laichgründen zu kommen, leiden am offensichtlichsten unter der intensiven Nutzung unserer Flüsse. Viele einstmals häufige Arten sind heute vom Aussterben bedroht. Aber auch außerhalb des Wassers verschwinden Tiere und Pflanzen sowie natürliche Landschaftsbilder, weil die natürliche Dynamik der Flüsse unterbunden wird.

 

Wasserkraftwerke stauen Flüsse auf und entnehmen ihnen Wasser. Die Kraft wird zur Erzeugung elektrischer Energie genutzt und steht dem Fluss als „Baumeister“ unserer Landschaft nicht mehr zur Verfügung. Träge Rinnsale und Kanäle ersetzen vielerorts die kraftvollen, sich ständig im Wandel befindlichen Lebensadern. Eine Vielzahl von Vögeln, Pflanzen und Insekten sind auf flussnahe Lebensräume spezialisiert. Fehlen oder verschwinden diese, so ist das Überleben der wildflusstypischen Arten gefährdet. All das findet statt, obwohl alpine Flusslebensräume mit Schotter-, Kies- und Sandbänken gemäß der europäischen FFH-Richtlinie zu erhalten sind. Bayern trägt für deren Schutz eine besondere Verantwortung.

Nur sehr wenig Wasser fließt nach der Ausleitung am Kraftwerk Ammermühle weiter in das natürliche Bett der Ammer © WWF Deutschland

Gewässer und ihre Auen können nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Gemeinsam bilden sie die artenreichsten Lebensräume unserer natürlichen Landschaft. Der WWF Deutschland fordert daher, dass bei der Festlegung von Mindestwassermengen die Naturschutzziele des jeweiligen Flussabschnittes zusätzlich zu den Kriterien der Wasserrahmenrichtlinie stärker als bislang berücksichtigt werden. Die Ziele im Wasser und am Ufer können oftmals gemeinsam erreicht werden, wenn entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden. Denn obwohl der Mensch unterschiedliche Kriterien für Wasser und Land anlegt: in der Natur hängt alles zusammen.  
 
Wasserkraft ist ein wichtiger Bestandteil unserer Energieversorgung, aber sie muss so gestaltet sein, dass auch Pflanzen und Tiere ihren Platz in und an den Flüssen haben. Dies gilt für kleine Kraftwerke, aber auch für große. Dass der neue Mindestwasserleitfaden lediglich für Kraftwerke bis 500 Kilowatt Leistung angewandt werden soll, ist daher zu hinterfragen. Auch größere Anlagen müssen ökologische Mindestkriterien erfüllen. Dies muss aus Sicht des WWF Deutschland selbstverständlich auch für Kraftwerke gelten, die unter dem Deckmantel vor langer Zeit erteilter „Altrechte“ betrieben werden und die heutigen ökologischen Standards oft völlig missachten. Es bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung des Leitfadens in der Genehmigungspraxis in einer Art und Weise erfolgen wird, die tatsächlich die ökologische Situation der Flüsse verbessert. Bereits im aktuell diskutierten Entwurf wird die wissenschaftlich ermittelte Mindestwassermenge zur Erreichung eines guten ökologischen Zustandes nicht konsequent als Referenzwert empfohlen sondern pauschal um 20 Prozent reduziert. Die Verwässerung der wissenschaftlich erhobenen Empfehlungen, die auf das Gemeinwohl abzielen, muss im weiteren Abstimmungsprozess des Mindestwasserleitfadens vermieden werden.

 

 

Autorin: Sigrun Lange, WWF Deutschland


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