„Wilde Wälder“ an der Ammer


Klasse-1-Wälder: freiwillig aus der Nutzung genommen

Mitte Oktober 2017 lud Forstrevierleiter Hans-Peter Schöler die Projektpartner im Alpenflussprojekt zu einer Exkursion in die Wälder entlang der Ammer ein. Bei bestem Wetter machte sich die Gruppe auf zum ersten Standort an der Schönbergleite. Hier galt es einen bis zu 200 Jahre alten Schluchtwald mit hohen Buchen- und Bergahornanteilen zu bewundern, der mit Felszonen durchsetzt ist. In diesen steilen Lagen hat der Wald unter anderem die Funktion, den Boden vor Erosion zu schützen.

 

Der Bestand wurde vom Forstbetrieb Oberammergau als so genannter „Klasse-1-Wald“ eingestuft. Das heißt, dass die Bayerischen Staatsforsten (BaySf) hier freiwillig auf Holzeinschlag verzichten. „Als Klasse-1-Wälder werden Bestände gekennzeichnet, die 180 Jahre oder älter sind oder die eine besondere Zusammensetzung von Baumarten aufweisen“, erklärt Schöler. „Das ist der originäre Beitrag der BaySf zum Waldnaturschutz.“ Der Nutzungsverzicht gilt laut Schöler prinzipiell immer bis zur nächsten Forsteinrichtung. Diese findet etwa alle zehn Jahre statt - im Falle des Forstbetriebs Oberammergau wieder im Jahr 2018. Schöler verwehrt sich jedoch gegen Vermutungen, bei zukünftigen Forsteinrichtungen könnte wieder Holzeinschlag in vormaligen Klasse-1-Wäldern erlaubt werden. Nach den Vorgaben des Naturschutzkonzepts der BaySf von 2009 sollen Klasse-1-Wälder langfristig gesichert werden. Falls qualitative Änderungen notwendig werden, würden diese flächenneutral erfolgen, ist sich Schöler sicher. Erst kürzlich haben die Bayerischen Staatsforsten ihre Klasse-1-Wälder mit natürlicher Waldentwicklung auf der Unternehmenshomepage veröffentlicht. Bis 2020 sollen alle nutzungsfreien Flächen, auch kleinere Trittsteine, der BaySf in die interaktive Karte integriert werden.

 

Diskussionen um die „richtigen“ Konzepte

Während der Exkursion entwickelte sich eine Diskussion über verschiedene Naturschutzkonzepte im Wald. Ist es ausreichend, wenn die Bayerischen Staatsforsten definieren, welche Wälder sie aus der Nutzung nehmen und diese freiwillig nicht bewirtschaften? Oder bedarf es übergeordneter Konzepte und einen gesetzlich verankerten Schutzstatus für die Flächen?

 

Wie im Fall der „Ammerleite“. Zuvor war das Gebiet bereits als Klasse-1-Wald eingestuft, 2016 wurde es als 76 Hektar großes Naturwaldreservat ausgewiesen. Damit geht die Zuständigkeit für das Gebiet von der BaySf auf die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) über. Der Schutzstatus der „Ammerleite“ ist seither gesetzlich verankert. Naturwaldreservate stellen eine eigene Schutzgebietskategorie dar, die im Waldgesetz für Bayern (BayWaldG) geregelt ist. Im Falle eines Borkenkäferbefalls dürfen in Naturwaldreservaten Maßnahmen nur in Abstimmung mit dem zuständigen AELF erfolgen.

 

Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage, ob eine Vielzahl kleinerer nutzungsfreier „Trittsteine“ im Wald ausreichend ist oder ob diese durch großflächigere Prozessschutzgebiete ergänzt werden müssen. Die Bayerischen Staatsforsten setzen bekanntlich auf das Leitbild des „Schützens und Nutzens“. Laut eigenen Angaben werden die Staatswälder in Bayern derzeit auf einer Fläche von insgesamt mindestens 81.800 Hektar der natürlichen Entwicklung überlassen. Das sind 10,4 Prozent der Staatswaldflächen. Davon weisen derzeit etwa 38 Prozent einen gesetzlich gesicherten Schutzstatus auf. Wie stehen die BaySf zu neuen großflächigen Waldschutzgebieten? Hans-Peter Schöler weist darauf hin, dass es einst der Forstmann Hans Bibelriether war, der im Bayerischen Wald die Etablierung des ersten Nationalparks in Deutschland vorangetrieben hat. Mittlerweile gäbe es bereits zwei Nationalparke in Bayern, ein dritter sei im Gespräch. Das sei für einen dicht besiedelten Raum wie dem unseren schon eine beachtliche Leistung, so Schöler.

 

Integrierter Naturschutz im Wald

Nach den spannenden Diskussionen an der Schönbergleite wurde die Exkursion am Schnalzberg fortgesetzt. In dem steilen Bestand, der auch als Klasse-1-Wald aus der Nutzung genommen wurde, finden sich vereinzelt Eiben. Durch Zäunung soll die Eibenverjüngung gefördert werden. Auffällig war der hohe Totholzanteil im Gebiet. Diesen nutzte Hans-Peter Schöler, um das integrierte Naturschutzkonzept des Forstbetriebs Oberammergau zu erläutern. Demnach sollen in bewirtschafteten Wäldern 40 m3 Totholz / Hektar (in Klasse-2-Wäldern: 140 bis 179 Jahre alte Bestände) bzw. 20 m3 Totholz / Hektar (in Klasse-3-Wäldern: 100 bis 139 Jahre alte Bestände) erreicht werden.

 

Zudem werden Biotopbäume erfasst und bewusst erhalten. Dazu zählen z.B. Bäume mit Spechthöhlen, Horsten oder abgebrochenen Ästen. Einige dieser Biotopbäume konnte die Gruppe am letzten Exkursionsstandort in Augenschein nehmen, einem bewirtschafteten Tannen-Fichtenwald am Hohenpeißenberg. Hier findet sich einer der größten autochtonen Weißtannenbestände im Voralpenland. Der Standort ist für die Tanne ideal: Nordseite, eine Höhenlage von grob 1000 Metern in Verbindung mit einem gut durchfeuchteten Boden. Um die Naturverjüngung der Tanne zu fördern, ist auch dieser Bestand umzäunt. Gleichzeitig wird die Buche vor allem im Bereich der Biotopbäume zurückgedrängt, da hochwachsende Buchen die ökologisch wertvollen Baumhöhlen beschatten könnten. Diese würden dann weniger von Schwarzspecht, Hohltaube und Co genutzt, weiß Forstbetriebsleiter Stöger, der am Hohenpeißenberg zur Exkursion hinzugestoßen war. Derzeit beträgt der Anteil der Tanne im Bestand etwa neun Prozent, in den alten natürlichen Wäldern des Forstbetriebs Oberammergau erreicht die Tanne dagegen einen Anteil von bis zu 25 Prozent.

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Hans-Peter Schöler und Nikolaus Stöger für diese spannende und lehrreiche Exkursion in die Wälder im Ammereinzugsgebiet!

Eine der alten Eiben am Schnalzberg (© Sigrun Lange)


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